13. Oktober 2026

Autismusforschung gemeinsam gestalten

Friederike Charlotte Hechler, Ph.D erhält für ihre Dissertation den Better World Award UP 2026

v.l.n.r. Anja Bohms, Prof. Dr. Ulrike Liedtke, Friederike Charlotte Hechler, Prof. Dr. Dieter Wagner

Autismus wird in Forschung und Gesellschaft noch immer häufig aus einer defizitorientierten Perspektive betrachtet. Die Kognitionswissenschaftlerin Friederike Charlotte Hechler, Ph.D hinterfragte in ihrer Dissertation solche defizitbasierten Annahmen und untersuchte unter anderem, wie autistische und nicht-autistische Menschen Blicksignale in der sozialen Kommunikation nutzen. Aus ihren Erfahrungen mit Studienteilnehmenden entwickelte sich ein partizipatives Forschungsprojekt, das die Perspektiven autistischer Menschen stärker in die Entwicklung wissenschaftlicher Untersuchungsinstrumente einbezieht. 

Für ihre international ausgerichtete und anwendungsbezogene Arbeit, in der sie für eine partizipative Autismusforschung plädiert, ist die Absolventin der Universität Potsdam heute von der Universitätsgesellschaft Potsdam e.V. und der LAND BRANDENBURG LOTTO GmbH mit dem Better World Award UP 2026 ausgezeichnet worden. Der mit 3.333 Euro dotierte Preis geht alljährlich an junge Akademikerinnen und Akademiker, die mit ihren wissen­schaftlichen Arbeiten einen entscheidenden Beitrag zur Weiterentwicklung der Gemeinschaft leisten.

„Defizitbasierte Modelle in der Autismusforschung können negative Auswirkungen auf Bildung, Gesundheitswesen und öffentliche Diskurse haben“, sagt Hechler und ist überzeugt: „Die Einbeziehung autistischer Menschen als gleichberechtigte Forschungspartner*innen kann die Wissenschaft nicht nur gesellschaftlich relevanter machen, sondern auch wissenschaftlich bereichern.“ In Experimenten zur Blickkommunikation zeige sich beispielsweise, dass autistische und nicht-autistische Erwachsene sehr ähnliche Hinweise nutzen, um die Absichten anderer Menschen zu erkennen. Die Ergebnisse sprächen damit gegen die pauschale Annahme, dass autistische Menschen grundsätzlich Schwierigkeiten haben, solche kommunikativen Signale zu verstehen.

Anja Bohms, Geschäftsführerin der LAND BRANDENBURG LOTTO GmbH, die den Preis stiftet, ist erfreut, „dass in der Arbeit eine ganze Reihe von UN-Nachhaltigkeitszielen wie z.B. Gesundheit und Wohlergehen, weniger Ungleichheiten, hochwertige Bildung, Geschlechtergleichheit und internationale Zusammenarbeit berücksichtigt wurden“.

Prof. Dr. Dieter Wagner, stellvertretender Vorsitzender der Universitätsgesellschaft Potsdam e.V., hebt die vielfältigen Transfermöglichkeiten hervor: Die Forschungsergebnisse werden international durch Open Science und Zusammenarbeit zugänglich gemacht. Das gemeinsam mit autistischen Menschen überarbeitete Forschungsinstrument Comprehensive Autistic Trait Inventory – Revised (CATI-R) wurde zunächst auf Englisch und anschließend auch auf Deutsch validiert. Weitere Versionen auf Türkisch und Polnisch sind in Arbeit, um den Einsatz des Instruments in unterschiedlichen sprachlichen und kulturellen Kontexten zu ermöglichen. Darüber hinaus fließen die Erkenntnisse in das internationale U21 Autism Research Network sowie in ein von Hechler entwickeltes Lehrmodul zu Neurodiversität und partizipativer Forschung an der Universität Potsdam ein.

Friederike Charlotte Hechler wurde 1990 in Olpe geboren. Sie absolvierte einen Zweifach-Bachelorstudiengang Linguistik und Geschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin und den Masterstudiengang Linguistics an der Universität Potsdam. Gefördert mit einem Stipendium der Hans-Böckler-Stiftung promovierte sie 2025 zum Thema „Perceptual and Psychological Mechanisms of Gaze-Based Communication across Virtual, Artificial and Neurodiverse Social Interactions“ in Potsdam und Sydney im Rahmen des internationalen Promotionsprogamms IDEALAB (International Doctorate for Experimental Approaches to Language and Brain), einer Graduiertenschule der Universitäten Potsdam, Newcastle, Groningen und Macquarie. Inzwischen ist sie E-STEEM Postdoctoral Fellow in der Clinical Social Neuroscience Unit an der Universität Wien.

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